„Städten einen Baukasten an die Hand geben“

Lastenfahrräder sind für die City-Logistik nur bedingt tauglich.

  • Lastenfahräder verursachen zwar Null Emmissionen. Doch wie geeignet ist der innerstädtische Straßenraum, wenn davon eine deutlich höhere Anzahl unterwegs ist?

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Die mehr als 5,7 Mio. Einwohner von FrankfurtRheinMain wollen versorgt und beliefert werden. Städte haben jedoch ihre Belastungsgrenze erreicht. Die Verkehrsinfrastruktur ebenfalls. Auf der LastMile Logistics Conference diskutierten Experten Lösungswege.

57 bis 72 Prozent der städtischen Versorgungsverkehre finden zwischen 8 und 12 Uhr statt. Die Auswirkungen für die motorisierten Verkehrsteilnehmer sind gravierend: „In dieser Zeit reduziert sich die Durchschnittsgeschwindigkeit in der Innenstadt um bis zu 30 Prozent“, sagte Prof. Dr. Uwe Clausen auf der LastMile Logistics Conference, die am 12. März im House of Logistics and Mobility (HOLM) stattfand. Der Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML schlussfolgert deshalb: „Städte sind nicht für Logistik gemacht.“ Gleichwohl gebe „es hohe Erwartungen an eine neutrale City-Logistik“. Man müsse sich deshalb mit den Fragen auseinandersetzen, ob und wie sich urbane Logistik möglicherweise in die Nacht verlagern lasse? Denn das hätte mehrere Vorteile: Die Fahrzeit der Touren ließe sich aufgrund der entspannten Verkehrssituation um 20 bis 40 Prozent reduzieren. Zudem könnten auch Flächen – wie zum Beispiel Parkhäuser – genutzt werden, die tagsüber dafür nicht zur Verfügung stehen. Doch erste Test- und Pilotphasen zum Thema „geräuscharme Nachtlogistik“, die zusammen mit der REWE Group in Köln durchgeführt wurden, machten die Probleme deutlich: „Logistik trägt Lärm in die Fläche. Ein LKW ist bei 50 km/h durchschnittlich 20-mal lauter als ein Pkw“, so Prof. Clausen. Die Umsetzung von Nachtlieferungen sei schwierig und deutlich genehmigungsintensiver.

 Treffpunkt der Experten: 2020 ist eine internationale Ausrichtung der LastMile Logistics Conference geplant. Bildquelle: HOLM

Die Toolbox: Fahrzeugmix, Mikrodepots, mobile Hubs …

Erschwerend kommt hinzu, dass sich auch die Lieferstrategien der Händler verändert hätten, berichtete Gerd Seber, Manager Sustainability & Innovations, DPD Deutschland GmbH. Statt einmal täglich würden die Einzelhändler mehrmals am Tag beliefert. „Lastenräder sind zwar ein wichtiger Bestandteil in der City-Logistik, aber eine Brückentechnologie“, sagt Seber. So lasse sich nicht alles mit dem Lastenrad transportieren und schon gar nicht in großen Mengen. „Fahrräder dürfen auch nicht überall hin, erst recht nicht in die Fußgängerzone. Zu viele Lastenfahrräder in der City sind keine Lösung, sondern ein Problem“, gibt der Manager zu bedenken. Der Paket- und Expressdienstleister DPD setzt deshalb ebenso wie DACHSER SE auf ein selbst entwickeltes City-Logistik-Konzept, mit dem jedes Unternehmen sich auf die tatsächlichen Bedarfe der jeweiligen Stadt individuell einstellen kann. Denn unter Experten besteht Einigkeit: „Es gibt nicht das eine City-Logistik-Konzept, das für alle Städte gilt.“ Dafür seien die Städte zu wenig miteinander vergleichbar – alleine schon wegen ihrer topografischen Merkmale. Prof. Dr.-Ing. Petra K. Schäfer, Expertin für Verkehrsplanung an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS), empfiehlt: „Wir müssen ein Paket schnüren und Städten einen Baukasten an die Hand geben.“ Allen auf der Konferenz vorgestellten City-Konzepten gemein ist, dass sie aus einem Instrumenten- und Maßnahmenmix bestehen: So werden LKWs beispielsweise als mobile Hubs genutzt, temporäre Mikrodepots eingerichtet und unterschiedliche Verkehrsträger eingesetzt. Da auch der Wirtschaftsverkehr die Reduktionsziele nicht ignorieren kann, die die Bundesregierung für die Treibhausgas-Emissionen ausgerufen hat, spielt Elektromobilität beim Zusammenstellen der Fahrzeugflotte eine große Rolle. Vor allem wenn es um das Bewerkstelligen der letzten Meile geht. Doch Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke von der Frankfurt University of Applied Sciences dämpfte die Erwartungen: „Die Rohstoffe für Batterien reichen nicht für alle Fahrzeuge auf der Welt. Wir brauchen auch andere Antriebstechnologien.“ Auf dem Weg zu einer nachhaltig effizienten City-Logistik gebe also noch viele Fragen zu klären. Entscheidend ist, dass sich die Städte anfangen zu bewegen, weil der Druck immer größer wird.

Wien hat sich auf den Weg gemacht

„Wie wollen wir mit dem Wirtschaftsverkehr umgehen?“ fragte sich die Stadt Wien vor rund fünf Jahren und hat im Rahmen des Stadtentwicklungsplans „STEP 2025“ ein Strategiepapier und Fachkonzept für den Bereich „Wirtschaft und Logistik“ entwickelt. Das Ziel: Den Wirtschaftsverkehr ohne Leistungs- und Qualitätsverluste zu reduzieren.

Informationen zu den definierten Handlungsfeldern, Pilotprojekten, langfristig angelegten Maßnahmen und ersten Zwischenergebnissen auf dem Weg der Umsetzung sind abrufbar unter: www.logistik2030.at